… und die Schule

„Die Schule, wo ich viel vergessen habe“
Erich Kästner und die Schule

Ehe Kästner seine weltbekannten Kinderbücher schreiben konnte, musste auch er lesen und schreiben lernen. Kurzum: auch ihm blieb die Schule nicht erspart. Die vielfältigen Erfahrungen, die er dort machte, haben ihn sein Leben lang geprägt. Und irgendwie könnte man sagen, zeichnete sich schon am ersten Schultag 1906 ab, dass die große Liebe zur Schule unter einem schlechten Stern stehen würde. Stolz trug er morgens seine Schultüte in die Vierte Bürgerschule in der Tieckstraße und mittags zurück nach Hause. Er wollte sie nur eben einer Nachbarin zeigen.

“Meine Mutter öffnete die Tür. Ich stieg, die Zuckertüte mit der seidnen Schleife vorm Gesicht, die Ladenstufe hinauf, stolperte, da ich vor lauter Schleife und Tüte nichts sehen konnte, und dabei brach die Tütenspitze ab! Ich erstarrte zur Salzsäule. Zu einer Salzsäule, die eine Zuckertüte umklammert. Es rieselte und purzelte und raschelte über meine Schnürstiefel. Ich hob die Tüte so hoch, wie ich irgend konnte. Das war nicht schwer, denn sie wurde immer leichter. Schließlich hielt ich nur noch einen bunten Kegelstumpf aus Pappe in den Händen, ließ ihn sinken und blickte zu Boden. Ich stand bis an die Knöchel in Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldenen Maikäfern. Die Kinder kreischten. Meine Mutter hielt die Hände vors Gesicht. Fräulein Haubold hielt sich an der Ladentafel fest. Welch ein Überfluß! Und ich stand mittendrin.

Auch über Schokolade kann man weinen. Auch wenn sie einem selber gehört. – Wir stopften das süße Strandgut und Fallobst in den schönen, neuen, braunen Schulranzen und wankten durch den Laden und die Hintertür ins Treppenhaus und treppauf in die Wohnung. Tränen verdunkelten den Kinderhimmel.”

(In: Als ich ein kleiner Junge war)

Tränen wird es im weiteren Schulleben sicher noch öfter gegeben haben. Zwar fehlte Erich keinen Tag in der Schule und brachte immer gute Noten nach Hause, doch enttäuschten ihn mehr und mehr die Lehrer. Er hatte zu Hause Lehrer als Menschen kennengelernt, die lachen konnten und freundlich waren. In der Schule, die er später wiederholt als “Kinderkaserne” bezeichnete, traf er auf Lehrerfeldwebel, die mit dem Rohrstock Wissen und Gehorsam erzwingen wollten.

Selbstständiges Denken war weder gefordert noch erwünscht – zumindest nicht bei den Kindern aus ärmeren Familien, die auf der Volksschule bleiben mussten und nicht eine der höheren Schulen besuchen durften. Ihnen winkte höchstens der Sprung ins Lehrerseminar, in dem Volksschullehrer ausgebildet wurden. Dass Schule auch ganz anders sein konnte, stellte Kästner fest, als er sich aus dem Lehrerseminar, das er von 1913 bis 1917 besuchte, verabschiedete.

Er wechselte auf das Dresdener König-Georg-Gymnasium, wo er 1919 das Abitur mit Auszeichnung machte. Hier traf er Lehrer, wie er sie sich als Kind vorgestellt hatte. Er erlebte zum ersten Mal Professoren, “die sich während des Unterrichts zwischen ihre Schüler setzten und diese, auf die natürlichste Weise von der Welt, wie ihresgleichen behandelten.”

(In: Zur Entstehungsgeschichte des Lehrers in: Der tägliche Kram, S.91)

In seinem Kinderroman “Das fliegende Klassenzimmer” hat Kästner 1933 solchen verständnisvollen Lehrern, die durch Persönlichkeit statt Gewalt überzeugen, ein Denkmal gesetzt und in seiner “Ansprache zum Schulbeginn” mahnt er wohl nicht nur die Schüler kritisch und selbstbewusst zu sein, indem er fordert:

*Laßt euch die Kindheit nicht austreiben!”

*Haltet das Katheder weder für einen Thron, noch für eine Kanzel!”

*Nehmt Rücksicht auf diejenigen, die auf euch Rücksicht nehmen!”

*Seid nicht zu fleißig!”

*Lacht die Dummen nicht aus!”

*Mißtraut gelegentlich euren Schulbüchern!”

(In: Ansprache zum Schulbeginn in: Die kleine Freiheit, S.14ff)

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