… im 3. Reich

Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Erich Kästner im Dritten Reich

Warum sind Sie in Deutschland geblieben? Warum sind Sie nicht emigriert? So und ähnlich mögen die Fragen gelautet haben, die Erich Kästner mit seinem Epigramm “Notwendige Antwort auf überflüssige Fragen” beantwortet hat:

Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –
wenn’s sein muß, in Deutschland verdorrt.” (In: Kurz und bündig S.56)

Sicher war es nicht nur die sprachliche Verwurzelung in Deutschland, sondern auch die Bindung an seine Mutter und die Sorge darum, was ihr passiert, wenn er emigriert, die ihn bewegt haben, in Deutschland zu bleiben.

Nach dem Zusammenbruch gab Kästner eine weitere Erklärung zu seinem Ausharren ab: „Ein Schriftsteller will und muß erleben, wie das Volk, zu dem er gehört, in schlimmen Zeiten sein Schicksal erträgt. Gerade dann ins Ausland zu gehen, rechtfertigt sich nur durch akute Lebensgefahr. Im übrigen ist es seine Berufspflicht, jedes Risiko zu laufen, wenn er dadurch Augenzeuge bleiben und eines Tages schriftlich Zeugnis ablegen kann.“
(In: Gescheit und trotzdem tapfer in: Der tägliche Kram, S.27)

Diese Erklärung rief neue Kritiker auf den Plan, die fragten, wo denn nun das Zeugnis bliebe. Auch darauf antwortet Kästner geduldig und ehrlich: “Ich kapitulierte aus zwei Gründen. Ich merkte, daß ich es nicht konnte. Und ich merkte, daß ich‘s nicht wollte. Wer daraus schlösse, ich hätte es nicht gewollt, nur weil ich es nicht konnte, der würde sich’s leichter machen, als ich es mir gemacht habe. So simpel liegt der Fall nicht. An meinem Unvermögen, den Roman der Jahre 1933 bis 1945 zu schreiben, zweifelte ich sehr viel früher als an der Möglichkeit, das er überhaupt zu schreiben sei. Doch auch diesen grundsätzlichen Zweifel hege ich nicht erst seit gestern. Das Tausendjährige Reich hat nicht das Zeug zum großen Roman.”
(In: Notabene 45, S.10)

Nun, der große Roman ist es nicht geworden, das Nachkriegswerk. Dennoch gibt es viele Texte, die uns authentisch vermitteln, wie das Leben im Dritten Reich verlief, sei es nun die Schilderung der Bücherverbrennung oder der Reichskristallnacht oder der Bericht darüber, dass die  Frau seines Freundes Erich Knauf von der Reichsanwaltschaft beim Volksgerichtshof eine Rechnung für die Hinrichtung ihres Mannes erhielt. (Eine unbezahlte Rechnung in: Der tägliche Kram S.29)

Kästner hatte sich mit der Alltagssituation arrangiert, nicht aber mit den Nationalsozialisten. Auch er musste täglich um sein Essen kämpfen, wurde verhaftet und sah sich von Denunzianten und Spionen umzingelt. Es gelang ihm z.T. auf abenteuerliche Weise, er selbst zu bleiben, zu überleben und gleichzeitig Eindrücke zu sammeln, die uns ein authentisches Bild vom Alltag und von bedeutsamen Ereignissen im Dritten Reich geben, u.a. in “Notabene 45”.

Reichskristallnacht (Erich Kästner)

„Als ich am 10. November 1938, morgens gegen drei Uhr, in einem Taxi den Berliner Tauentzien hinauffuhr, hörte ich zu beiden Seiten der Straße Glas klirren. Es klang, als würden Dutzende von Waggons voller Glas umgekippt. Ich blickte aus dem Taxi und sah, links wie rechts, vor etwa jedem fünften Haus einen Mann stehen, der, mächtig ausholend, mit einer langen Eisenstange ein Schaufenster einschlug. War das besorgt, schritt er gemessen zum nächsten Laden und widmete sich, mit gelassener Kraft, dessen noch intakten Scheiben.

Außer diesen Männern, die schwarze Breeches, Reitstiefel und Ziviljacketts trugen, war weit und breit kein Mensch zu entdecken. Das Taxi bog in den Kurfürstendamm ein. Auch hier standen in regelmäßigen Abständen Männer und schlugen mit langen Stangen “jüdische” Schaufenster ein. Jeder schien etwa fünf bis zehn Häuser als Pensum zu haben. Glaskaskaden stürzten berstend aufs Pflaster. Es klang, als bestünde die ganze Stadt aus nichts wie krachendem Glas. Es war eine Fahrt wie quer durch den Traum eines Wahnsinnigen.

Zwischen Uhland- und Knesebeckstraße ließ ich halten, öffnete die Wagentür und setzte gerade den rechten Fuß auf die Erde, als sich ein Mann vom nächsten Baum löste und leise und energisch zu mir sagte: “Nicht aussteigen! Auf der Stelle weiterfahren!” Es war ein Mann in Hut und Mantel. “Na hören Sie mal”, begann ich, “ich werde doch wohl noch…” – “Nein”, unterbrach er drohend. “Aussteigen ist verboten! Machen Sie, daß Sie sofort weiterkommen!” Er stieß mich in den Wagen zurück, gab dem Chauffeur einen Wink, schlug die Tür zu und der Chauffeur gehorchte. Weiter ging es durch die gespenstische “Nacht der Scherben”. An der Wilmersdorfer Straße ließ ich wieder halten. Wieder kam ein Mann in Zivil leise auf uns zu. “Polizei! Weiterfahren! Wird’s bald?”

Am Nachmittag stand in den Blättern, daß die kochende Volksseele, infolge der behördlichen Geduld mit den jüdischen Geschäften, spontan zur Selbsthilfe gegriffen habe.” (In: Unser Weihnachtsgeschenk)